Noga Erez (ISR)

„Ich kann das, was um mich herum passiert, nicht ignorieren.“ Damit meint die im Jahr 1990, nur ein paar Tage vor dem Beginn des Golfkrieges geborene Musikerin natürlich ihre Heimat Israel, die tägliche Gewalt und den Terror vor allem an den Grenzen. Wir hier sprechen vom „Nahostkonflikt“, der eine gefühlte Ewigkeit zu unserem Tagesschauprogramm gehört, von Verstehen kann da keine Rede sein.

Noga Erez veröffentlichte 2017 mit „Off The Radar“ kein „Begleitbuch“ zu diesem Konflikt, aber sie reflektiert ihre Situation in der politisch aufgeheizten Umgebung in vielen der 10 Tracks und 5 Interludes. Sie ist sich ihrer privilegierten Stellung bewusst – als Künstlerin in einer Stadt wie Tel Aviv, die sie als vergleichsweise liberal beschreibt. Man kann das jetzt nachhören in der brüchigen R’n’B-Ballade „Worth None“ – in der Schilderung eines sehr persönlichen Moments. „Ich liege im Bett mit dem Gefühl von Sicherheit. So sicher und beschützt sind andere nicht. Ich kann glücklich sein, weil ich ein Dach über dem Kopf habe, was für andere nicht gilt“, erzählt Noga Erez. „Der Song entstand aus einem schweren Schuldgefühl, das sich einstellt, wenn man vergleicht. Das ist ziemlich abgefuckt.“

„Die Musik ist ihre weapon of choice“, schrieb die SPEX zuletzt. Eigentlich immer schon – Noga Erez hat als Kind zu der Musik gesungen, die sie mitbekam, später Piano- und Gesangsunterricht genommen, sie war Background-Sängerin in der Indie-Folkband The Secret Sea und gründete zur selben Zeit ein Jazz-Trio, das sie heute als Teil ihres „Studiums“ betrachtet. Ein Versuch, der ihr aber keine musikalische Heimat geben konnte. „Ich habe mit sehr vielen Dingen experimentiert, und viele unerwartete Dinge passierten dabei“, sagt sie. Dabei lernte sie vor allem eines: „Ich wollte so unabhängig wie nur möglich in der Aufnahme und der Produktion sein.“

„Hear me no one/ sees me no one/ I’m off the radar“. Noga Erez hat diese Lyrics längst korrigieren müssen. 2017 und 2018 werden ihre messerscharfen Elektro-HipHop-Attacken und die quecksilbrigen Synthie-Pop Tracks auf großen Bühnen gespielt, sie trat bereits beim „SXSW“ auf und war für das „Primavera“-Festival in Barcelona gebucht. Sie hat den Moment gefunden, mit ihrer Musik rauszugehen und uns dahin mitzunehmen, wo Pop Glam wird und im selben Moment so weh tun kann.

„Off The Radar“ ist ein Dokument der Unabhängigkeit geworden, ein fulminantes Debüt, kraftvoll strahlend, heftig schmerzend und in jedem Moment auf dem Sprung, in eine andere, neue Bedeutung. Noga Erez wird uns dieses Jahr nicht mehr loslassen, sie definiert gerade ein Stück weit den Sound der Zeit inmitten von politischen Bestandsaufnahmen. Das ist Pflicht für den Pop 2018!